Iran ohne Schleier: Frauen widersetzen sich der Kopftuch-Pflicht

Die iranische Journalistin Masih Alinejad hat einen Facebook-Aufruf gestartet. Sie bat Irans Frauen, ihr Fotos ohne Kopftuch zu schicken. Seitdem kann sie sich vor Einsendungen kaum noch retten.

Es hat klein angefangen mit einem Post auf Facebook. Am 2. Mai schrieb die iranische Journalistin Masih Alinejad an ihre über 200.000 Follower: "Zwei, drei Leute schrieben mir: 'Veröffentliche keine Fotos von dir ohne Kopftuch. Ärgere nicht die Frauen, die in Iran ohne diese Freiheit leben.'" Denn in Iran herrscht Kopftuch-Pflicht.

 

 

Alinejads Antwort an ihre Kritiker: "Wenn du eine Frau bist und nicht an die Zwangsverschleierung glaubst, schaffst du dir heimlich deine Freiheit, egal wo du bist, damit der Zwang dich nicht zugrunde richtet."

Dazu veröffentlichte die Journalistin ein Foto, das sie 2009 in Nordiran ohne Kopftuch beim Autofahren zeigte. "Ich wette, viele Frauen besitzen solche Fotos heimlicher Freiheit - dies ist meines auf dem Weg nach Norden", schrieb sie noch dazu. Es war der Startschuss für eine kleine Sensation.

Seit diesem Aufruf kann sich Alinejad vor Einsendungen kaum noch retten. Inzwischen bekomme sie täglich rund 50 Fotos von Frauen in Iran ohne Kopftuch, sagt Alinejad SPIEGEL ONLINE. Sind es Gruppenporträts, werden sie nur veröffentlicht, immer ohne Namen, wenn vorher alle Abgebildeten telefonisch zustimmten. Schließlich zeigt das Foto sie beim Verstoß gegen das Gesetz.

Die Zahl ihrer Unterstützer wächst exponentiell

Für die überwältigenden Reaktionen reichte Alinejads Facebook-Seite schnell nicht mehr aus. Am 5. Mai richtete sie eigens eine zweite ein, "Heimliche Freiheit", nur für die Porträts. Die Zahl der "Likes" geht seitdem von Tag zu Tag nach oben - 20.000, 40.000, 70.000, Tendenz rasant steigend.

Masih Alinejad ist in Iran keine Unbekannte. Die Journalistin musste 2009 das Land verlassen, nachdem sie sich mit der Aufdeckung eines Korruptionsskandals unbeliebt gemacht hatte. Nun lebt die 37-Jährige mit ihrem 17-jährigen Sohn in London. Doch ihre Heimat lässt sie nicht los. "Ich verbringe quasi jeden Tag in Iran", sagt sie. "Jeden Tag interviewe ich Menschen im Land."

Alinejad betont, dass sie sich als Berichterstatterin verstehe, nicht als Aktivistin. "Als Journalistin will ich den ganzen Iran abbilden, nicht nur eine Seite." Sie will auch denjenigen Iranern eine Stimme geben, die sich in ihrer Heimat kein Gehör verschaffen dürfen.

Auf Irans Straßen, in den Cafés, im Staatsfernsehen, überall sind nur verschleierte Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen. Iranerinnen, denen die Kopftuch-Pflicht zuwider ist, lassen es absichtlich verrutschen - ein kleiner stiller Protest. Erst vor Kurzem demonstrierten Konservative wieder gegen solche vermeintlichen Sittenverrohungen. Sie dürfen demonstrieren. Frauen, die nicht an das Kopftuch glauben, können es nicht.

"Seitdem kämpfe ich selbst für meine Rechte"

Dass dieser Zustand ungerecht sei, bemerkte Alinejad in ihrer Kindheit, erzählt sie, in einer traditionsbewussten Familie in einem kleinen Dorf beim Kaspischen Meer. "Ich sah meine Brüder baden. Ich sah, wie sie Fahrrad fuhren. Sie hatten alle diese Rechte und ich nicht", erinnert sie sich.

Die Brüder brachten ihr das Radfahren bei, zum Schrecken des Dorfes. "Daraus habe ich gelernt", sagt die Journalistin. "Seitdem kämpfe ich auch selbst für meine Rechte."

Schwimmen, Radfahren, den Wind in den Haaren spüren. Freiheiten, die viele Iranerinnen nicht haben. Dabei ist es oft weniger eine Frage der Gesetze als der gesellschaftlichen Akzeptanz. Dementsprechend ist in den Botschaften, die die Frauen mit ihren Fotos an Alinejad schicken, selten von Politik die Rede. SPIEGEL ONLINE stellt fünf davon in einer Fotostrecke vor. Die Iranerinnen schreiben von überkommenen Traditionen, verständnislosen Vätern und konservativen Ehemännern. Aber auch von Männern, die sie unterstützten.

Selbst Iranerinnen und Iraner, die nicht mehr in der Heimat leben, versuchen den Frauen der "Heimlichen Freiheit" zu helfen. Sie übersetzten ihre Botschaften ins Englische, sagt Alinejad. "Ich glaube, sie sehen es als ihren Beitrag dazu, damit diese Frauen gehört werden."

Spiegel-Online, 10.05.2014