Kunst und Fiktion

Die Geschichte von Afshin Ghaffarian ist nicht erfunden. Es gibt ihn tatsächlich, und der Film zeichnet seine Erlebnisse vor dem Hintergrund der gewalttätigen Unruhen von 2009 nach

 

"Wüstentänzer" erzählt die wahre Geschichte des jungen iranischen Tänzers Afshin Ghaffarian, der den politischen Zwängen seiner Heimat die Stirn bietet und seinen legendären Wüsten-Tanz beinahe mit dem Leben bezahlt hätte. Vor dem Hintergrund der gewalttätigen Unruhen während der iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 entstand eine bewegende Biografie über den Kampf eines jungen Mannes für Freiheit, Selbstbestimmung und Kunst als fundamentales Menschenrecht.

Als leidenschaftliches Tanz- und Liebespaar brillieren Reece Ritchie ("Prince of Persia: Der Sand der Zeit", "10.000 B.C.") und Freida Pinto, der Star aus "Slumdog Millionär". Der britische Produzent Richard Raymond ("Heartless") gibt mit "Wüstentänzer" sein Regiedebüt.

Die ebenso dynamischen wie ergreifenden Tanzszenen choreografierte der renommierte Tänzer Akram Khan, der 2012 die gigantische Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in London mitgestaltete. Afshin Ghaffarian konnte über Deutschland nach Paris flüchten und erhielt ein Stipendium am Centre National de la Danse. 2010 gründete er hier seine eigene Tanzcompagnie "Réformances". Er hofft, eines Tages in den Iran zurückkehren zu können.

Einführung von Richard Raymond

Afshins Geschichte

Ich entdeckte Afshins Geschichte am Neujahrstag 2010 bei Times Online und war sofort gefesselt. Ein junger Mann hat den im Grunde unspektakulären Traum, Tänzer zu werden – doch in seiner Heimat Iran ist Tanzen verboten. Mir war durchaus bewusst, dass die Islamische Republik Iran vieles untersagt, was für uns selbstverständlich ist. Aber dass etwas so Natürliches wie Tanzen illegal ist – das war mir völlig neu. Ich war geschockt und fasziniert zugleich. Die Tatsache, dass ein Regime die Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Körpers verbietet, sprach mich auch als Filmemacher an.

Diese Geschichte geht uns alle an, denn sie steht für Willenskraft und den Kampf für Recht und Freiheit. Sie gibt uns Hoffnung. Sie spiegelt die Überzeugung wider, dass wir alle dieselben Grundrechte haben sollten, ganz gleich, woher wir kommen. Und vor allem sollte jeder die Möglichkeit haben, seine Träume zu verwirklichen. Als ich mich dann näher mit Afshins Biografie befasste, fand ich sie noch bemerkenswerter.

Um ohne Angst vor Verhaftung tanzen zu können, gründete Afshin mit seinen Freunden an der Universität eine geheime Tanzgruppe. Die Kompanie probte heimlich im Keller einer Schule. Über einen gehackten Proxy-Server hatten sie Zugriff auf YouTube (im Iran ebenfalls verboten) und sahen sich online berühmte Tänzer an. Mit ihrem Auftritt in der Wüste, weit außerhalb von Teheran, setzten Afshin und seine Freunde alles aufs Spiel. Aber hier waren sie weit genug weg von den wachsamen Spionen der Regierung und der brutalen Basidsch-Miliz.

Die Aufführung war für alle – Tänzer wie Publikum – ein bewegendes Erlebnis. Denn es gab ihnen eine Idee von der Freiheit, nach der sie sich alle sehnten. Letztlich wurde Afshin doch noch festgenommen und misshandelt, aber mit Hilfe seiner Freunde konnte er nach Paris flüchten, wo er politisches Asyl erhielt. Die französische Regierung erkannte ihm ein Stipendium am Centre National de la Danse zu.

Wie die meisten wahren Geschichten könnte auch die von Afshin kaum mitreißender sein. Die jungen Menschen im Iran unterscheiden sich durch nichts von den Jugendlichen in westlichen Staaten. Es ist grundsätzlich falsch, jemandem ein elementares Recht zu verweigern. Dazu zählt eben auch das Recht auf künstlerische Freiheit – und die beinhaltet Tanz. Dass ausgerechnet die Freiheit, sich mit seinem Körper auszudrücken, unterdrückt wird, sagt so viel aus. Ich war ergriffen und wollte der Welt Afshins Geschichte erzählen. Der erste Schritt dazu war natürlich, Afshin persönlich kennenzulernen und seine Erlaubnis einzuholen.

Das erste Treffen mit Afshin

Mein Schreibpartner Jon Croker und ich flogen nach Paris, um Afshin persönlich zu treffen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden. Afshin war mit großer Leidenschaft dabei und hatte viel zum Thema Tanz und seinen Einsatz als Waffe im Kampf für mehr Selbstbestimmung in seiner Heimat zu sagen. Auch in Paris ist sein Tanz ein Ausdruck des Protestes, er verfügt damit über ein kraftvolles visuelles Instrument. Dennoch dauerte es mehrere Monate, bis ich Afshin überzeugt hatte, dass ich der Richtige war, um seine Geschichte zu verfilmen. Denn ich war sicher, dass sie viele Menschen erreichen würde. Ich wollte einen Film machen, der Menschen auf der ganzen Welt auf dieses Thema aufmerksam macht und Afshins Ansatz vermittelt: Tanzen als Widerstand. Ich glaube fest daran, dass Aufklärung und Bewusstsein positive Veränderungen bewirken können.

Von der Wahrheit zum Film

Jon Croker und ich entwickelten unser Drehbuch auf Basis von vielen Stunden Interviewmaterial mit Afshin. In unseren Gesprächen stießen wir auf ein tragisches, sehr persönliches Kapitel in seiner Geschichte: Afshins Jugendliebe, die hochbegabte, aber labile Tänzerin Elaheh. Sie war heroinabhängig. In meinen Augen verkörperte Elaheh den Iran mehr als jeder andere: die Unterdrückung, die Schönheit und die Tragödie des Landes. Afshin hat alles versucht, damit sie den Drogen entsagt. Er hat Elaheh dazu aufgefordert, zu leben; die Freude und Freiheit auszukosten, die das Tanzen ihnen beiden schenkte. Die Beziehung zwischen Afshin und Elaheh ist das Herz seiner Geschichte und auch das Herz unseres Films.

Wüstentänzer entstand in Marokko, Casablanca "doubelt" Teheran. Der Wüstentanz wurde in Erfoud am Rand der nördlichen Sahara gefilmt. Anschließend reiste die Produktion weiter nach Paris und London. Insgesamt nahmen die Dreharbeiten sieben Wochen in Anspruch.

03.07.2014 feitag.de von Richard Raymond