Rahawards Stellungnahme zum Internationalen Frauentag 2015 mit dem Thema "Können Frauen Filme machen?"

Trotz der Barrieren haben Frauen ihre Rolle in der Kinowelt stabilisiert, eine Filmwelt ohne sie ist heute nicht mehr denkbar.

 

Zuerst möchten wir Ihnen alles Gute zum Frauentag wünschen. Wie Sie erfahren haben, musste Frau Karimi kurzfristig absagen, da sie derzeit in einem Londoner Krankenhaus wegen einer schweren Krankheit behandelt wird. Wir sind sehr froh, dass wir so schnell Frau Shojaeifard für uns gewonnen haben, und bedanken uns für den spontanen Einsprung.

Jedes Jahr zum Weltfrauentag blicken wir zurück, um den Werdegang der Ereignisse bezüglich der Frauensituation im Iran zu verfolgen.

Vor und während der sogenannten grünen Bewegung im Jahr 2009 waren Frauenaktivistinnen in ihren nichtstaatlichen Organisationen trotz der Repressalien für ihre Rechte sehr aktiv. Die Frauenbewegung  erlebte nach dieser Zeit einen Tiefpunkt, viele Frauenrechtlerinnen wurden verhaftet oder mussten das Land verlassen. Seitdem versuchen die Frauen sich neu zu organisieren und haben es geschafft, trotz der bedrückenden Situation ihre Aktivitäten wirkungsvoll fortzusetzen.

Eines der wichtigsten Ereignisse im letzten Jahr waren die vielen Säureattacken auf Frauen, vor allem in der Großstadt Isfahan, die alle nach demselben Muster abliefen: Die Opfer waren Frauen, die die gesetzlichen Kleidungsvorschriften nicht einhielten.

Viele vermuteten einen politischen Hintergrund durch die Regierungsinstanzen und ihre Anhänger (den selbsternannten Sittenwächtern), um die Frauen einzuschüchtern. Den Medien war es verwehrt über diese Nachrichten zu berichten. Die Täter wurden bis heute nicht identifiziert, geschweige denn verfolgt. Tausende gingen dagegen auf die Straße und forderten die Behörden durch Parolen und Plakate auf, gegen die Täter vorzugehen. Gerade Frauen haben bei diesen Protesten eine wichtige Rolle gespielt, einige wurden sogar inhaftiert.

Solche Ereignisse deuten auf die hohen Potentiale der Frauen hin, die bei jedem Anlass die Chance nutzen, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und sich neu zu organisieren.

Weitere wichtige Geschehnisse passierten im künstlerischen Bereich. Bei Konzerten war es Frauen schon immer verboten, Solo zu singen. In den letzten Monaten kam jedoch hinzu, dass ihnen in vielen Konzerten sogar der Hintergrundgesang oder das Instrumentspielen untersagt wurde.

Auch unser diesjähriges Thema, der Kinobereich, stellt einen wichtigen Schauplatz zur Entfaltung der Frauen in Ihren Gleichberechtigungsaktivitäten dar.

Seit der Islamischen Revolution stellt die Anwesenheit von Frauen in der Kinowelt (sowie in vielen anderen kulturellen und sozialen Bereichen) ein Paradox dar. Auf der einen Seite versucht man die Präsenz der Kinofrauen einzuschränken, auf der anderen Seite ist der Publikumszuspruch und die Beteiligung der Schauspielerinnen sowie Regisseurinnen so groß, dass die Regierung dazu gedrängt wird, diese Präsenz wohl zu akzeptieren.

Schon im Schah-Regime verachteten die Revolutionsführer das Kino generell oder betrachteten es gar als haram, also „verboten“.

Während der Revolution wurden viele Kinosäle verbrannt, sie galten als Inbegriff der Verdorbenheit der Kultur.

Kurz nach der Revolution stagnierten die Kinotätigkeiten und es gab große Verwirrungen. Verwirrungen zwischen dem, was Kino schon immer war, und dem, was die Machthaber in Zukunft  aus dem Kino machen wollten.

Schnell haben die Revolutionsführer begriffen, welche Macht das Kino als Massenmedie hat. Jetzt investierten sie viel Geld und Aufwand in das Kino, um ihre eigenen Ziele sowie ihre Propaganda zu verwirklichen. Nach der Stabilisierung der Regierung wurden harte Regeln aufgestellt: Strenge Zensur wurde betrieben und Frauen durften nur noch verhüllt erscheinen.

Seitdem dürfen in Filmszenen, in denen ein privates Umfeld dargestellt wird, keine Berührungen zwischen Schauspieler und Schauspielerin stattfinden, selbst wenn diese im Film verheiratet oder verwandt sind.

 

Die Geschichte des iranischen Kinos nach der Revolution kann man grob in fünf Abschnitte unterteilen, in denen es insbesondere im Hinblick auf Zensur und Einschränkung der Frauenbeteiligung Hoch- und Tiefpunkte gab.

  • Während des 1. Golfkriegs herrschten die strengsten Zensuren, die Frau spielte im Film die Hausfrau und Untertanin ihres Ehemannes.
  • In der Nachkriegszeit: Die Verhältnisse beruhigen sich, Frauen erscheinen erstmals als Stars und Filmemacherinnen. In dieser Zeit entwickeln sie sich und sammeln Erfahrungen.
  • In der Ära der Reform: Trotz bestehender Zensuren lockert sich die Atmosphäre, bemerkenswerte Talente werden zum Vorschein gebracht. Die Filmrolle der Frau ändert sich: Sie ist nicht mehr nur die brave Hausfrau, sondern zeigt sich aktiv in der Gesellschaft. Es gibt sogar Filme mit feministischen Zügen.
  • Es folgen dunkle Zeiten ab 2005, auch für das Kino. Frauen werden als die Schuldigen an der Verführung anderer Männer zum Ehebetrug dargestellt, es dominiert eine patriarchische Perspektive.Filme aus Sicht der Frauen dürfen nicht abgespielt werden.Außerdem wird das halbsstaatliche Kinozentrum „Khaneye Sinama“ geschlossen.
  • Seit der neuen Regierung ist das Kinozentrum wieder eröffnet worden, trotz vieler Versprechen bleibt jedoch die Unterdrückung erhalten.

Es gibt Einwände seitens kultureller Behörden gegen die Vorführung einiger iranischer Filme, zum Beispiel gegen den Film „Märchen“ von Frau Rakhshan BaniEtemad bei den Venediger Filmfestspielen oder dem Film „Taxi“ von Jafar Panahi bei der Berlinale. Andere Filme, die sich mit sozialen Themen beschäftigen, dürfen nicht veröffentlicht werden.

Heute bestehen so viele unterschiedliche Behörden, dass es bezüglich der Freigabe eines Films immer wieder zu Konflikten kommt.

Jeder Lichtblick in Richtung Meinungsfreiheit in den letzten 36 Jahren führte zur verstärkten Beteiligung der Frauen in der Kinowelt. Das zeigt erneut, dass der Grad der Demokratisierung vom Mitwirken der Frauen abhängt.

Ohne Zweifel sind nicht nur die Gesetze, sondern auch die patriarchische und gesellschaftliche Hindernisse auf dem Wege der Emanzipation.

Trotz dieser Barrieren haben Frauen ihre Rolle in der Kinowelt stabilisiert, eine Filmwelt ohne sie ist heute nicht mehr denkbar. Sie schaffen es durch Bildung, Erfahrung und Wissen einerseits und durch Nutzen der politischen Freiräume andererseits, zunehmend Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.

 

Iranisches Kulturzentrum Rahaward - Aachen